Pranayama – Die Kunst des Atmens





Wir atmen ein und aus, ganz automatisch, ohne darüber nachdenken zu müssen. Es atmet uns. Je nach Gefühlsregung verändert sich die Atmung, ohne dass wir dies wahrnehmen: Unter Stress, bei Schmerzen, Unwohlsein,... atmen wir schnell, flach und oberflächlich. Bevor wir vor Wut explodieren, nehmen wir einen tiefen Atemzug (manchmal hilft dies bereits, dass sich der Ausbruch in Grenzen hält ;-)...). Sind wir entspannt und zufrieden, dann ist auch unsere Atmung entspannt, tiefer, regelmässig.

So wie sich die Atmung entsprechend unserer Emotionslage verändert, so können wir ganz bewusst über die Atmung dem Körper bestimmte Zustände suggerieren: Wer etwas geübt ist in der Anwendung der Atemtechniken kann selbst in starken Belastungssituationen den Geist beruhigen, den Fokus wieder auf sich selbst lenken und körperliche Stressreaktionen reduzieren.

Dass und wie das funktioniert, zeigen die verschiedenen Wirkungen des bewussten Atmens auf eindrückliche Art und Weise.


Wirkungen der bewussten Atmung


Unser Nervensystem wird in verschiedene Anteile unterteilt: Unter Anderem in einen willkürlichen Anteil, den wir aktiv steuern können (z.B. alle bewusst ausgeführten Bewegungen) und einen vegetativen Anteil, den wir nicht bewusst steuern können (alle körperlichen Aktivitäten wie die Organtätigkeit, die Eng- und Weitstellung der Blutgefässe, die Aktivität der Hormonproduzierenden und -ausschüttenden Strukturen, die einfach geschehen, ohne dass wir darüber nachdenken müssen).


Der vegetative Nervenanteil wird weiter unterteilt in Sympathikus (verantwortlich für Aktivität, "Kampf oder Flucht", Stress) und Parasympathikus (verantwortlich für Ruhe, Entspannung, Regeneration).

In den vegetativen Anteil des Nervensystems können wir mit der bewussten Atmung einwirken: Jedes Organ, jede Struktur wird unter anderem von sympathischen und parasympathischen Nervenfasern versorgt. Auch wenn wir die Aktivität dieser Nervenfasern nicht bewusst gezielt steuern können, so wirkt die Atmung indirekt doch darauf: Je nachdem wie wir atmen, werden allgemein die sympathischen Fasern (schnelle, oberflächliche, unregelmässige Atmung) oder allgemein die parasympathischen Fasern (langsame, tiefe, regelmässige Atmung) angeregt.

Auf diese Weise können wir den Körper über die bewusste Atmung einen ruhigen, entspannten Zustand lenken.

Wenn wir absichtlich, schnell und oberflächlich atmen, beginnen die Hormondrüsen mit der Ausschüttung von Stresshormonen, weil das die "Stressatmung" ist. Der Sympathikus wird angeregt, Körper und Geist kommen in eine Stresssituation, unabhängig davon, ob ein stressauslösender Faktor vorhanden ist oder nicht. Atmen wir hingegen ruhig, tief, regelmässig, so kommen Geist und Körper in einen Entspannungszustand, der Parasympathikus hat wieder Oberhand.


Gerade mit Patienten, die unter Ängsten leiden (z.B. Platzangst) habe ich die Atemübungen bereits erfolgreich trainiert. Das ging so weit, dass jemand mit Angstattacken in engen Räumen ohne Fluchtmöglichkeit (z.B. im Zug oder sogar schon im Tram, das alle paar hundert Meter anhält), sich mit bestimmten Atemübungen soweit ruhig halten konnte, dass nach wenigen Monaten eine Zugfahrt ohne Halt von Bern nach Zürich (knapp eine Stunde Fahrtzeit) wieder problemlos möglich wurde und nun sogar ein Kurzstreckenflug wieder denkbar ist. Dieser Erfolg beruht darauf, dass einerseits das vegetative Nervensystem aus dem Stressmodus in den Entspannungs- und Wohlfühlmodus umgeschaltet und andererseits der Fokus von der Angst weg auf das ICH gelenkt wird.


Da die meisten regenerierenden Prozessen nur dann optimal ablaufen können, wenn wir uns im parasympathischen Zustand befinden, liegt es nun auf der Hand, was geschieht, wenn wir ständig gestresst sind und unter Strom stehen: Stress führt in einen dauerhaften sympathischen Zustand, es wird zunehmend schwierig zur Ruhe zu kommen. Zeichen wie Schlafstörungen, Nervosität, Unruhe, Reizbarkeit, Ängste, etc. zeigen, dass das Vegetativum aus dem Gleichgewicht geraten ist und Geist und Körper zu sehr im Aktivitätsmodus (Sympathikus) feststecken. Dies ist ein Teufelskreis, denn durch die daraus folgende Müdigkeit und den Leistungsabfall muss immer mehr Energie in die Bewältigung des Alltags gesteckt werden, was wiederum den Sympathikus antreibt. Das ist die Spirale, die früher oder später im Burn-out endet. Der Weg bis dahin ist lang und man kann jederzeit die Weichen neu stellen. Aber je länger der Stresszustand bereits andauert, desto länger dauert auch den Weg zurück in die Entspannung.

Unter Stress (und zwar bereits in frühen Phasen) laufen die Regenerationsprozesse in jeder Zelle des Körpers nicht mehr optimal ab. Das Immunsystem wird geschwächt, die Stimmung kippt erst in eine gereizte, mit der Zeit in die depressive Richtung. Das allgemeine Wohlbefinden lässt nach, man funktioniert mehr als man lebt. Mittels der bewussten Atmung können diese Prozesse nach und nach umgedreht und der Weg in die Entspannung eingeschlagen werden. Je nach Symptomen, die sich entwickeln, eignen sich unterschiedliche Übungen, die ich mit meinen Patienten übe, bis sie sicher sind in der Ausführung.


Was passiert im Körper bei der bewussten Atmung?

Zum einen wird bei jedem Atemzug deutlich mehr Sauerstoff aufgenommen, der mit dem Blut zu den Zellen hin transportiert wird. Sauerstoff ist zentral in der Energiebereitstellung in allen Zellen. Gleichzeitig wird vermehrt Kohlendioxid ausgeatmet. Kohlendioxid ist unter Anderem ein Umwandlungsprodukt aus der Neutralisierung der Säuren, die in den Stoffwechselprozessen entstehen. Durch die vertiefte Ausatmung wird somit mehr Kohlendioxid ausgeatmet, was mithilft, das Säure-Basen-Gleichgewicht zu regulieren.

Da also vermehrt aerogene Abfallprodukte ausgeschieden werden und gleichzeitig die Zellen mit energiespendendem Sauerstoff versorgt werden, können die körperlichen Funktionen wieder besser ablaufen. Regelmässig angewendet führen Atemübungen nach relativ kurzer Zeit zu einer Verbesserung des Allgemeinbefindens.


Den Einfluss auf das Nervensystem habe ich weiter oben beschrieben. Durch die Stärkung des parasympathischen Anteils wird auch das Hormonsystem in der Produktion und Ausschüttung der Stresshormone gebremst. Der Körper wird über sämtliche Steuerzentralen in den Entspannungszustand gebracht.


Was passiert auf der geistigen Ebene bei der bewussten Atmung?

Durch die bewusste Atmung wird auch wieder gelernt, sich zu fokussieren. Der Geist wird beruhigt, Gedankenkarusselle werden agbeschwächt. Es findet eine Beruhigung und Stärkung von Geist und Psyche statt, was eine allgemein bessere Bewältigung des Alltags mit sich bringt. Man kann besser mit den Anforderungen umgehen.

Eine erhöhter Sauerstoffzufuhr löst sogar Glücksgefühle aus, was wiederum mithilft, die Stimmungslage auf die Sonnenseite des Lebens zu verschieben.


Fazit

Atemübungen sind ein einfaches aber effizientes Hilfsmittel zum Stressabbau, zur Beruhigung, und Entspannen des Geistes. Des Weiteren werden über die Atmung körperliche Funktionen wie die Verdauung, das Hormonsystem, der Stoffwechsel reguliert, Symptome, insbesondere Schmerzen können gelindert werden, das Immunsystem wird gestärkt, negative Stressfolgen deutlich vermindert.

Über die Atmung kann die Psyche stark beeinflusst werden, was besonders in Belastungs-situationen Erleichterung und Ruhe bringt.


Regelmässig durchgeführte Atemübungen regulieren auf wunderbare Weise die Zusammenarbeit von Sympathikus und Parasympathikus und halten die beiden im Gleichgewicht, so, dass die körperlichen und geistigen Aktivitäten wieder ihrem Naturell gemäss ablaufen können.


In diesem Sinne: Take a deep breath, relax, be happy!






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